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Volume Profile im Day Trading: Was 98.000 Trades zeigen

Volume Profile gehört zu den beliebtesten Werkzeugen im Day Trading. Die Idee dahinter stammt aus der Auktionstheorie: Der Markt sucht ständig den Preis, zu dem am meisten gehandelt wird. Wer erkennt, ob eine Auktion gelingt oder scheitert, soll den nächsten Schritt vorhersehen können. Ganze Ausbildungen bauen darauf auf, teils für mehrere tausend Euro. Besonders beliebt ist die Einteilung in drei Profilformen – P, b und D –, die zeigen sollen, wer gerade die Oberhand hat.

Wir haben die vier gängigsten Day-Trading-Muster daraus geprüft: auf zwei Jahren, 150 US-Aktien und rund 98.000 Trades.

Kurz vorweg: Keins der vier verdient nach Kosten. Im Modell-Depot wären aus 10.000 € in zwei Jahren je nach Muster 4.300 bis 6.300 € geworden, während der S&P 500 rund 26 % zulegte. Und die Profilform ändert daran nichts.

Die Grundbegriffe in einfachen Worten

Ein Volume Profile zeigt nicht, wann gehandelt wurde, sondern zu welchem Preis wie viel. Daraus ergeben sich drei Marken:

  • der Point of Control – der Preis, zu dem am meisten gehandelt wurde, oft „fairer Wert” genannt;
  • die Value Area – der Preisbereich, in dem rund 70 % des Umsatzes lagen;
  • deren Ober- und Unterkante.

Liegt der meistgehandelte Preis im oberen Teil der Spanne, sieht das Profil aus wie ein P – die Käufer sollen die Oberhand haben. Liegt er unten, sieht es aus wie ein b – die Verkäufer. Liegt er in der Mitte, entsteht ein D: Gleichgewicht.

Die vier Muster

  1. Eröffnungsschub (Opening Drive). Eine Aktie eröffnet am einen Ende ihrer ersten halben Stunde und steht nach 30 Minuten am anderen. Dann wird in diese Richtung eingestiegen. Die These: Der Schub setzt sich fort. Der Stopp liegt am anderen Ende der ersten halben Stunde.
  2. Gescheiterte Auktion (Failed Auction). Der Kurs steigt über das Hoch des Vortags, doch die nächste Kerze schließt wieder darunter. Die Auktion nach oben gilt als gescheitert, also wird auf die Gegenbewegung gesetzt. Der Stopp liegt am Hoch des Ausbruchs. Am Vortagestief gilt dasselbe spiegelbildlich.
  3. Rückkehr zum Wert (Fade to Value). Aus den ersten 90 Minuten des Tages entsteht ein Profil. Schließt der Kurs danach außerhalb der Value Area, wird auf die Rückkehr zum meistgehandelten Preis gesetzt. Der Stopp liegt knapp hinter dem bisherigen Tageshoch bzw. -tief.
  4. Ausbruch aus der Value Area – mit P, b und D. Aus den letzten fünf Handelstagen entsteht ein gemeinsames Profil. Je nach Lage des meistgehandelten Preises wird es als P, b oder D eingestuft. Schließt eine Kerze über der Value Area, wird gekauft; schließt sie darunter, wird leerverkauft. Der Stopp liegt am meistgehandelten Preis: Fällt der Kurs dorthin zurück, gilt der Ausbruch als gescheitert.

Was genau getestet wurde

Das Universum: 150 US-Aktien, per Los gezogen aus 455 Werten, die im Juni 2026 rege gehandelt wurden. Darunter sind große Namen wie Alphabet, Eli Lilly und Oracle und viele kleinere Technologie- und Biotechwerte. Getestet wurde auf 5-Minuten-Kerzen der regulären Handelszeit von November 2024 bis November 2026, also an 499 Handelstagen. Darin liegen der Einbruch im April 2025, die Rally danach und mehrere Korrekturen.

Die Kosten: 0,10 % für Kauf und Verkauf zusammen.

Der Ausstieg: Stopp oder Handelsschluss – es sind Day Trades. Wir haben auch eine zweite Variante gerechnet: Die Hälfte wird bei einem Gewinn in Höhe des Risikos verkauft, und der Stopp für den Rest wird auf den Einstand gezogen. Am Bild ändert das nichts.

Die Richtung: Gezählt werden nur Trades in Richtung des Trends der letzten fünf Handelstage. Ohne diesen Filter sehen alle Ergebnisse fast genauso aus.

Die Maßeinheit: Vielfache des eingegangenen Risikos. Wer 100 Euro riskiert und 100 Euro gewinnt, macht +1. Wer 100 Euro riskiert und 30 Euro verliert, macht −0,3.

Die Prüfung: Die zwei Jahre sind in fünf Halbjahre aufgeteilt; das erste und das letzte sind nur angebrochen. Ein Muster, das trägt, sollte in den meisten davon im Plus liegen und nicht nur in einer guten Phase.

Befund 1: Keins der vier verdient nach Kosten

MusterTradesIm PlusErgebnis je TradeHalbjahre im Plus
Eröffnungsschub6.61945 %−0,0351 von 5
Gescheiterte Auktion16.92226 %−0,2890 von 5
Rückkehr zum Wert34.08026 %−0,2570 von 5
Ausbruch aus der Value Area40.40444 %−0,0470 von 5

Zwei Muster kosten richtig Geld. Bei der gescheiterten Auktion und der Rückkehr zum Wert endet nur etwa jeder vierte Trade im Plus. Wer jeweils 100 Euro riskiert, verliert im Mittel 26 bis 29 Euro pro Trade.

Die beiden anderen liegen knapp unter null. Von jedem Euro Verlust kamen 84 bis 90 Cent als Gewinn zurück. Knapp unter null heißt hier aber nicht zufällig unter null. Der Ausbruch aus der Value Area lag in keinem der fünf Halbjahre im Plus. Der Eröffnungsschub schaffte es nur im ersten, angebrochenen Halbjahr.

Befund 2: Was aus 10.000 Euro geworden wäre

Das Ergebnis je Trade ist die eine Sicht. Die andere: Was wäre mit einem Depot passiert, das jedes Signal handelt? Dafür gelten dieselben Regeln wie im Modell-Depot unseres Stocks-in-Play-Scanners:

  • 1 % des Kapitals Risiko je Trade bis zum Stopp;
  • kein Kredit: Kommen an einem Tag mehr Signale, als das Kapital tragen kann, werden alle Positionen gleichmäßig verkleinert;
  • 0,0035 $ Gebühr je Aktie und 0,05 % Slippage, jeweils beim Kauf und beim Verkauf;
  • Gewinne und Verluste werden wieder eingesetzt.
MusterAus 10.000 € wurdenRenditeGrößter Rückgang
Eröffnungsschub6.347 €−36,5 %−40,9 %
Gescheiterte Auktion5.354 €−46,5 %−46,5 %
Rückkehr zum Wert6.343 €−36,6 %−36,6 %
Ausbruch aus der Value Area4.282 €−57,2 %−57,5 %

Der S&P 500 legte im selben Zeitraum rund 26 % zu, mit Dividenden 29 %.

Warum das so viel schlechter aussieht als die Zahlen je Trade: An fast jedem Tag kamen mehr Signale, als das Kapital ohne Kredit tragen konnte – beim Ausbruch aus der Value Area im Schnitt 82 am Tag. Das Depot war deshalb jeden Tag voll investiert und hat sein ganzes Kapital einmal gekauft und wieder verkauft. Dabei fallen jedes Mal rund 0,1 % Kosten an, und das an knapp 500 Handelstagen. Ein Muster, das vor Kosten kaum etwas bringt, wird so zur Rutschbahn.

Selbst ganz ohne Kosten hätte keins der vier Muster den S&P 500 geschlagen. Das beste wäre vor Kosten auf +22 % gekommen.

Wer selbst handelt, nimmt natürlich nicht jedes Signal. Wer ohne eigene Zusatzregel nur einige davon nimmt, zieht aber eine Auswahl aus denselben Trades – und hat im Mittel dasselbe Ergebnis je Trade.

Befund 3: Die Profilform trennt nicht

Die Einteilung in P, b und D soll zeigen, wer die Oberhand hat. So schneidet der Ausbruch aus der Value Area je nach Form ab:

ProfilformTradesErgebnis je TradeHalbjahre im Plus
P14.049−0,0550 von 5
b15.207−0,0330 von 5
D11.148−0,0550 von 5

Alle drei Formen liegen in jedem Halbjahr im Minus. Die Form beschreibt, was war. Über das, was kommt, sagt sie in diesem Test nichts.

Befund 4: Schon vor Kosten ist fast nichts da

Man könnte vermuten, die Muster hätten einen echten Vorteil, den nur die Kosten auffressen. Dafür müsste aber vor Kosten etwas übrig sein. Der beste der vier, der Eröffnungsschub, bringt vor Kosten im Mittel 0,06 % Kursbewegung je Trade. Die anderen drei liegen zwischen −0,03 % und +0,02 %. Die Kosten von 0,10 % sind bei jedem Muster größer als das, was vor Kosten übrig bleibt.

Eine Rechenfalle, auf die man achten sollte: In Vielfachen des Risikos gerechnet, sieht die Rückkehr zum Wert vor Kosten sogar gut aus. Das liegt am Stopp. Er liegt knapp hinter dem bisherigen Tageshoch, und dort steht der Kurs beim Einstieg oft schon. Bei einem Viertel der Trades war der Stopp deshalb nur rund 0,1 % entfernt. Eine winzige Bewegung von 0,04 % zählt dann schon als +0,59 – die Kosten von 0,10 % zählen aber genauso vergrößert mit. Nach Kosten ist genau dieses Viertel mit −0,60 je Trade das schlechteste.

Wer Ergebnisse in Vielfachen des Risikos liest, sollte deshalb immer fragen: Wie weit war der Stopp entfernt?

Befund 5: Drei Monate täuschen

Im Juni hatten wir den Ausbruch aus der Value Area schon einmal geprüft, auf drei Monaten und mit bis zu fünf Tagen Haltedauer. In den ersten sieben Wochen sah er stark aus (+0,13 je Trade), in den gut vier Wochen danach lag er bei null. Mit den Daten dieses Tests zeigt genau dieser Zeitraum dasselbe Bild.

Über zwei Jahre landet diese Variante bei +0,016 je Trade. Drei Halbjahre lagen im Plus, zwei im Minus; insgesamt ist das Ergebnis nicht von null zu unterscheiden. Außerdem ist die Variante dann kein Day Trade mehr, sondern ein Swing-Trade, der über Nacht gehalten wird.

Genau deshalb reichen drei Monate nicht. Ein Muster kann in einer Marktphase glänzen und in der nächsten nichts mehr bringen. Wer eine Strategie nur an einer Phase prüft, misst die Phase.

Was diese Zahlen nicht sagen

Aktien, keine Futures. Volume Profile wird oft an Index-Futures gelehrt. Die Begründung, dass Auktionen gelingen oder scheitern, soll aber für jeden Markt gelten. Wer behauptet, die Muster trügen nur an Futures, müsste das zeigen.

5-Minuten-Kerzen statt einzelner Abschlüsse. Das Profil ist aus 5-Minuten-Kerzen gebaut, nicht aus jedem einzelnen Abschluss. Für Profile über 90 Minuten oder fünf Tage ist das eine brauchbare Annäherung, feinste Details gehen dabei verloren.

Die Aktienliste stammt vom Juni 2026. Werte, die vorher vom Kurszettel verschwunden sind, fehlen.

Es wurde nichts optimiert. Jede Schwelle wurde einmal festgelegt und nicht nachjustiert. Eine im Nachhinein angepasste Variante sähe besser aus und würde weniger bedeuten.

Das Modell-Depot ist eine Vereinfachung. Es nimmt an, dass alle Trades eines Tages gleichzeitig laufen, und rechnet die Gebühr je Aktie mit dem Eröffnungskurs des Tages. Am Ergebnis je Trade ändert das nichts.

Getestet sind Regeln, kein Gespür. Wer die Muster mit Erfahrung, Orderbuch und eigenen Zusatzbedingungen handelt, handelt etwas anderes. Das mag funktionieren, müsste sich aber demselben Test stellen.

Was bleibt

Drei Sätze:

  1. Keins der vier gängigen Day-Trading-Muster aus Volume Profile und Auktionstheorie verdient über zwei Jahre nach Kosten. Im Modell-Depot wurden aus 10.000 € je nach Muster 4.300 bis 6.300 €.
  2. Die Profilform P, b oder D trennt gute nicht von schlechten Trades. Sie beschreibt, was war.
  3. Ein Test über drei Monate kann eine Methode gut aussehen lassen, die über zwei Jahre nichts bringt.

Volume Profile zeigt verlässlich, wo gehandelt wurde. Ein Einstiegssignal ist daraus in diesem Test nicht geworden.

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Diese Auswertung ist eine Modellrechnung und keine Anlageberatung. Vergangene Kursverläufe sagen nichts über künftige Ergebnisse. Methodik und Rohergebnisse stellen wir auf Anfrage zur Verfügung.