Gewinne mitnehmen: Was 4.860 Trades über zwölf Jahre zeigen

„An Gewinnmitnahmen ist noch niemand gestorben.” Der Satz gehört zu den meistwiederholten Ratschlägen im Börsenumfeld — und er wird fast immer ohne Beleg weitergereicht. Wir haben ihn geprüft: an 4.860 Trades über zwölf Jahre, mit derselben Einstiegsregel und nur einer variierten Größe — dem Ausstieg.

Das Ergebnis hat uns selbst überrascht. Nicht weil der Ratschlag falsch wäre, sondern weil er zwei völlig verschiedene Dinge meint, die sich gegensätzlich verhalten. Die eine Variante ist die schlechteste Ausstiegsregel im ganzen Test. Die andere funktioniert — kostet aber mehr, als die meisten ahnen.

Was genau getestet wurde

Das Universum: 2.209 US-Aktien, tägliche Schlusskurse von Januar 2013 bis August 2026 — knapp 3.400 Handelstage.

Der Einstieg: immer derselbe. Gekauft wird, wenn eine Aktie neu in die 25 stärksten Werte des Universums aufsteigt, gemessen an ihrer Kursentwicklung gegenüber dem eigenen Halbjahresdurchschnitt — also relative Stärke, verwandt mit dem Jahrestrend. Pro Aktie zählt nur ein Einstieg je 28 Handelstage, damit dieselbe Bewegung nicht mehrfach ins Ergebnis läuft. Das ergibt 4.860 Trades.

Der Ausstieg: die einzige Variable. Jede Regel wird auf denselben 4.860 Trades durchgerechnet. Damit misst der Vergleich ausschließlich den Effekt des Ausstiegs — nicht die Qualität der Auswahl, nicht das Markt-Timing.

Der Bewertungsrahmen: bis zu 18 Monate Haltedauer. Wir schauen auf drei Zahlen: den typischen Trade (Median), den Durchschnitt (den die wenigen großen Gewinner dominieren) und den Anteil der Trades, die überhaupt im Plus enden.

Zur Einordnung vorab: Der theoretische Bestwert — wer immer exakt am Hoch verkauft — liegt bei diesen Trades im Median bei +63,7 %. Daran misst sich, was eine Regel tatsächlich einfängt.

Befund 1: Der Trailing-Stop macht alles schlechter

Die verbreitetste Form der Gewinnsicherung ist der nachgezogene Stopp: Steigt der Kurs, zieht man die Verkaufsmarke mit; fällt er um einen festen Prozentsatz vom Hoch zurück, ist man raus. Klingt vernünftig — man lässt Gewinne laufen und begrenzt die Rückgabe.

AusstiegsregelTypischer TradeDurchschnittAnteil im Plus
Einfach halten+14,7 %+60,2 %59 %
Trailing-Stop 15 %−5,4 %+4,5 %40 %
Trailing-Stop 20 %−6,3 %+7,5 %40 %
Trailing-Stop 25 %−7,6 %+11,6 %41 %
Trailing-Stop 30 %−8,3 %+15,2 %41 %

Jede getestete Trail-Weite liefert einen negativen typischen Trade. Und — das ist der eigentliche Schlag — sie senkt auch noch die Trefferquote: Statt 59 % enden nur noch 40 % der Trades im Plus. Die Regel, die Gewinne sichern soll, sorgt dafür, dass seltener ein Gewinn übrig bleibt.

Der Grund liegt in der Natur dieser Aktien. Werte in einem starken Aufwärtstrend schwanken heftig; Rücksetzer von 20 oder 30 Prozent sind bei den größten Gewinnern der normale Verlauf, nicht die Ausnahme. Ein nachgezogener Stopp kann nicht unterscheiden, ob so ein Rücksetzer das Ende der Bewegung ist oder ihre Mitte. Er verkauft in beiden Fällen — und weil er meist erst nach einem Anstieg greift, verkauft er oft nach einem Rückfall unter den Einstiegskurs.

Auch die anderen mechanischen Regeln überzeugen nicht: Wer stur 28 Handelstage hält, landet im Median bei +0,7 % — praktisch bei null. Wer aussteigt, sobald die Aktie aus den stärksten 20 Prozent des Universums fällt, kommt auf −6,0 %.

Kurz: Von allen getesteten Wegen, eine Position mechanisch zu verlassen, war nichts tun der beste.

Befund 2: Ein Teilverkauf am Ziel wirkt — und kostet

An dieser Stelle könnte man aufhören und schreiben: „Gewinnmitnahmen schaden.” Das wäre zu einfach. Denn viele meinen mit „Gewinne mitnehmen” etwas ganz anderes als einen nachgezogenen Stopp — nämlich: einen Teil der Position verkaufen, wenn sie im Plus ist, und den Rest laufen lassen.

Das ist eine andere Mechanik: Sie greift bei Stärke, nicht bei Schwäche. Also haben wir sie auf denselben 4.860 Trades gemessen.

AusstiegsregelTypischer TradeDurchschnittAnteil im Plus
Einfach halten+14,7 %+60,2 %59 %
Halbe Position bei +15 %+14,8 %+32,9 %66 %
Halbe Position bei +20 %+17,1 %+34,0 %66 %
Halbe Position bei +25 %+19,1 %+35,1 %67 %
Halbe Position bei +30 %+21,1 %+36,1 %68 %
Halbe bei +20 %, Rest mit 20-%-Trail+14,0 %+17,0 %78 %

Hier dreht sich das Bild. Der typische Trade wird besser statt schlechter, und die Trefferquote steigt von 59 auf 66 bis 68 Prozent. Der Mechanismus ist einfach: Viele dieser Aktien laufen 20 oder 30 Prozent hoch und fallen dann zurück. Wer die Hälfte am Ziel verkauft hat, rettet aus so einem Verlauf ein Plus — statt am Ende bei null oder darunter zu stehen.

Und wer zusätzlich den Rest mit einem nachgezogenen Stopp absichert, landet bei 78 Prozent Gewinn-Trades. Fast vier von fünf Positionen enden im Plus.

Aber jetzt die Rechnung: Der Durchschnitt fällt von +60,2 % auf +34 % — und in der abgesicherten Variante auf +17 %. Der Teilverkauf allein kostet damit rund vier von zehn Ertragspunkten; wer den Rest zusätzlich mit einem Stopp absichert, gibt sieben von zehn ab.

Der Grund ist, dass bei dieser Art von Aktien fast das gesamte Ergebnis von einer Handvoll extremer Gewinner getragen wird. Wer die halbe Position bei +20 % abgibt, ist bei genau diesen Ausnahmefällen nur noch zur Hälfte dabei. Der Unterschied zwischen Median und Durchschnitt in der ersten Tabelle — +14,7 % gegen +60,2 % — zeigt das Ausmaß: Der Durchschnittstrade ist viermal so gut wie der typische, weil einzelne Positionen alles tragen.

Die Auflösung: zwei Mechaniken, ein Wort

Der Streit „Gewinne mitnehmen oder laufen lassen” ist falsch gestellt, weil beide Seiten dasselbe Wort für Verschiedenes benutzen:

  • Bei Schwäche verkaufen (nachgezogener Stopp): verschlechtert in diesem Test jede einzelne Kennzahl. Typischer Trade, Durchschnitt, Trefferquote — alles fällt.
  • Bei Stärke einen Teil verkaufen (Teilverkauf am Ziel): verbessert typischen Trade und Trefferquote deutlich, kostet aber rund 40 Prozent des Durchschnittsertrags — mit zusätzlicher Absicherung des Rests über 70 Prozent.

Damit ist die Frage keine nach richtig oder falsch mehr, sondern eine nach dem eigenen Ziel. Wer maximalen Ertrag will, hält — und muss aushalten, dass vier von zehn Positionen im Minus enden und einzelne Werte zwischenzeitlich die Hälfte verlieren. Wer Verlässlichkeit will, verkauft einen Teil am Ziel — und bezahlt sie mit Rendite. Beides ist legitim. Nur die Vorstellung, man bekomme durch Gewinnmitnahmen beides, hält der Prüfung nicht stand.

Nebenbei erklärt das auch, warum der Ratschlag sich so hartnäckig hält: Gemessen an der Trefferquote fühlt er sich hervorragend an. 78 Prozent Gewinn-Trades sind eine schöne Statistik. Nur steht am Ende weniger auf dem Konto.

Was diese Zahlen nicht sagen

Eine Auswertung ohne ihre Grenzen ist Werbung. Deshalb im Klartext, was hier nicht abgebildet ist:

Überlebende verzerren nach oben. Das Universum besteht aus Aktien, die es heute gibt. Firmen, die in den zwölf Jahren verschwunden sind, fehlen — die absoluten Renditen sind damit zu optimistisch. Der Vergleich der Regeln untereinander ist davon aber kaum betroffen, weil alle auf denselben Trades laufen. Genau deshalb steht hier der Vergleich im Vordergrund und nicht die einzelne Zahl.

Keine Kosten, keine Steuern. Weder Gebühren noch Spread noch Steuern sind eingerechnet. Das trifft die Regeln unterschiedlich: Wer öfter handelt, verliert mehr. Für deutsche Anleger kommt hinzu, dass ein Teilverkauf einen steuerpflichtigen Gewinn auslöst, während eine gehaltene Position unversteuert weiterläuft. Der Nachteil des Teilverkaufs ist in der Praxis also eher größer als hier gemessen.

Der Zeitraum war überwiegend freundlich. 2013 bis 2026 enthält Einbrüche, aber keinen mehrjährigen Bärenmarkt. In einer langen Abwärtsphase kann eine Regel, die früh verkauft, deutlich besser abschneiden.

Nur Schlusskurse. Gerechnet wurde auf Tagesbasis. Ein Stopp, der untertägig ausgelöst wird, verkauft in der Realität zu anderen Kursen — in schnellen Märkten meist zu schlechteren.

Nur Momentum-Aktien. Der Test betrifft Werte in einem etablierten Aufwärtstrend. Auf ruhige Dividendenwerte oder Seitwärtsphasen lässt sich das nicht übertragen.

Was bleibt

Drei Sätze, die diese Auswertung trägt:

  1. Ein nachgezogener Stopp ist bei Aktien in einem starken Trend keine Gewinnsicherung. Er verschlechtert den typischen Trade, den Durchschnitt und die Trefferquote gleichzeitig.
  2. Ein Teilverkauf am Gewinnziel ist echte Gewinnsicherung — er hebt die Trefferquote von 59 auf bis zu 78 Prozent.
  3. Er kostet dabei rund 40 Prozent des Durchschnittsertrags — und über 70 Prozent, wenn man den Rest zusätzlich absichert. Der Grund ist immer derselbe: Bei den wenigen extremen Gewinnern ist man nur noch halb dabei.

Wer den Ratschlag „nimm Gewinne mit” weitergibt, sollte dazusagen, welche der beiden Mechaniken er meint — und was sie kostet.

Methodik und Rohergebnisse stellen wir auf Anfrage zur Verfügung. Diese Auswertung ist keine Anlageberatung; vergangene Kursverläufe sagen nichts über künftige Ergebnisse.