Was ist der Jahrestrend?

Der Jahrestrend misst, wie stark eine Aktie über die letzten zwölf Monate gelaufen ist — ohne den letzten Monat. Aktien, die auf diese Weise vorne liegen, laufen im Schnitt auch in den folgenden Monaten überdurchschnittlich. Dieser Effekt heißt in der Wissenschaft Momentum und ist seit den Neunzigern einer der am besten belegten Befunde am Aktienmarkt. In der Fachliteratur trägt er den Namen des Mannes, der ihn zum festen Bestandteil der Kapitalmarktforschung gemacht hat: Mark Carhart.

Warum der letzte Monat fehlt

Die Lücke ist kein Schönheitsfehler, sondern der Kern der Sache.

Auf kurze Sicht — Tage bis wenige Wochen — machen Aktien häufig das Gegenteil von dem, was sie gerade getan haben. Wer stark gestiegen ist, läuft ein Stück zurück; wer abverkauft wurde, erholt sich. Diese kurzfristige Gegenbewegung ist ein eigener, gut dokumentierter Effekt — und sie zeigt in die entgegengesetzte Richtung des Jahrestrends.

Würdest du den letzten Monat mitmessen, würdest du systematisch genau die Aktien nach oben sortieren, die gerade heiß gelaufen sind und in den nächsten Wochen zurückkommen. Der Jahrestrend blendet diesen Monat deshalb aus. Er fragt: Wie stabil ist der Trend über ein ganzes Jahr? — nicht: Was war letzte Woche los?

Der Jahrestrend ist damit der genaue Gegenpol zur Bewertungsfrage nach Buffett: Er fragt nicht, was ein Unternehmen wert ist, sondern nur, wie stabil sein Kurs läuft. Beide Sichtweisen funktionieren — aber nicht gleichzeitig auf derselben Position.

Das ist auch der wichtigste Unterschied zu dem, was viele Trader unter “Momentum” verstehen. Ein Wert, der in drei Tagen 40 Prozent gemacht hat, hat noch keinen Jahrestrend. Er hat einen Ausbruch. Das kann ein guter Trade sein — es ist nur etwas völlig anderes.

Woher der Effekt kommt

1993 veröffentlichten Narasimhan Jegadeesh und Sheridan Titman eine Untersuchung, die bis heute nachwirkt: Kauft man die Gewinner der letzten drei bis zwölf Monate und hält sie einige Monate, schlägt man den Markt deutlich — und das über Jahrzehnte hinweg, quer über Branchen.

Vier Jahre später baute Mark Carhart diesen Befund in das damals führende Erklärungsmodell für Aktienrenditen ein. Bis dahin erklärte man Renditeunterschiede über drei Größen: das allgemeine Marktrisiko, die Unternehmensgröße und die Bewertung. Carhart zeigte, dass ein vierter Faktor nötig ist, um zu erklären, warum manche Fonds über Jahre besser abschneiden als andere — und dieser vierte Faktor war der Jahrestrend. Seitdem gehört er zum Standardwerkzeug jeder ernsthaften Renditeanalyse.

Bemerkenswert ist weniger die Entdeckung als das, was danach passierte: Der Effekt hat gehalten. In den letzten Jahren haben Forscher hunderte veröffentlichte Marktanomalien systematisch nachgerechnet, mit strengeren Methoden als in den Originalstudien. Die große Mehrheit überlebte diese Prüfung nicht. Die Trend- und Momentum-Familie gehört zu der kleinen Gruppe, die übrig blieb.

Warum funktioniert das überhaupt?

Ehrliche Antwort: Es gibt gute Erklärungen, aber keine bewiesene.

  • Unterreaktion. Gute Nachrichten setzen sich langsam durch. Analysten heben ihre Schätzungen in kleinen Schritten an, Fonds bauen Positionen über Wochen auf. Der Kurs braucht Monate, um eine Nachricht vollständig zu verarbeiten — und läuft in dieser Zeit weiter.
  • Kapitalströme. Große Adressen können nicht auf einmal kaufen, ohne den Kurs gegen sich zu bewegen. Sie kaufen gestaffelt. Wer heute Käufer sieht, sieht oft auch morgen noch welche.
  • Verhalten. Anleger halten Verlierer zu lange und verkaufen Gewinner zu früh. Das bremst die Anpassung nach oben zusätzlich.

Für die Praxis ist die Erklärung zweitrangig. Wichtiger ist zu wissen, unter welchen Bedingungen der Effekt trägt — und wann er sich gegen dich dreht.

Die vier Fehler, die den Jahrestrend zerstören

Momentum ist ein Fall, in dem fast jede naheliegende “Verbesserung” das Ergebnis verschlechtert.

1. Gegen die Verlierer wetten. Die Lehrbuchversion kauft die Gewinner und verkauft die Verlierer leer. Das klingt sauber, ist in der Praxis aber die gefährlichste Variante: Nach großen Markteinbrüchen schießen die abgestraften Werte in der Erholung am heftigsten nach oben — und genau dort steht man dann auf der falschen Seite. Diese Momentum-Crashs sind gut dokumentiert. Der nutzbare Teil des Effekts sitzt fast vollständig in der Gewinner-Seite.

2. Zu oft umschichten. Der Jahrestrend verändert sich langsam — er misst schließlich ein ganzes Jahr. Wer wöchentlich umsortiert, bekommt kaum neue Information, zahlt aber jedes Mal Spread und Gebühren. Ein ruhiger Rhythmus schlägt hektisches Nachjustieren regelmäßig. Oft hinschauen, selten handeln ist hier keine Floskel, sondern das Ergebnis.

3. Zu breit einsteigen. “Lieber die besten hundert statt der besten zwanzig, dann bin ich breiter aufgestellt” klingt vernünftig, verwässert aber genau die Eigenschaft, wegen der man den Filter überhaupt benutzt. Beim Jahrestrend sitzt der Vorteil weit oben in der Rangliste. Wer die Schwelle zu weit aufmacht, kauft am Ende den halben Markt.

4. Bei jedem Rücksetzer aussteigen. Aktien in einem starken Jahrestrend schwanken heftig. Rücksetzer von 20 oder 30 Prozent gehören bei den größten Gewinnern zum Normalbild — es sind dieselben Werte, die am Ende das Ergebnis tragen. Enge automatische Ausstiege werfen sie zuverlässig genau dann raus, wenn es unangenehm wird. Wir haben das an 4.860 Trades über zwölf Jahre nachgerechnet: Jeder getestete nachgezogene Stopp senkte den typischen Trade ins Minus. Das heißt nicht, ohne Risikosteuerung zu arbeiten. Es heißt, den Unterschied zwischen normalem Zittern und echtem Trendbruch zu kennen.

Was der Jahrestrend nicht ist

  • Kein Signal für morgen. Er sagt etwas über die nächsten Monate, nichts über den nächsten Handelstag. Für Intraday-Entscheidungen ist er das falsche Werkzeug — dafür braucht es Stocks in Play.
  • Kein Ersatz für Risikosteuerung. Der Effekt wirkt im Durchschnitt über viele Positionen. Einzelne Werte können trotzdem einbrechen — Positionsgröße und Streuung bleiben deine Aufgabe.
  • Nicht immer an. Es gibt Phasen, in denen er nicht funktioniert. Nach einem scharfen Markteinbruch, wenn die Erholung einsetzt, ist er verlässlich schlecht. Wer das weiß, wundert sich weniger.

Jahrestrend oder relative Stärke?

Beides misst Trendstärke, aber unterschiedlich. Die relative Stärke vergleicht den Kurs mit seinem eigenen Durchschnitt der letzten Monate und reagiert schneller. Der Jahrestrend schaut über ein volles Jahr und ist träger.

Für kleinere und mittelgroße Werte hat die schnellere Messung ihre Berechtigung. Bei den großen, breit gehandelten Aktien — also dem, was die meisten tatsächlich im Depot haben — ist der Jahrestrend die verlässlichere Sortierung. Beide gehören zur selben Familie wie die Sektor-Rotation: Es geht immer um die Frage, wo das Geld schon hinfließt. Genau deshalb ist er bei Trady inzwischen die Voreinstellung, während die relative Stärke als Umschalter erhalten bleibt.

Wo du den Jahrestrend in Trady siehst

  • Im Screener als eigener Filter: die Aktien mit dem stärksten Jahrestrend zuerst, jeweils mit dem Wert direkt an der Karte.
  • Unter Entdecken als Kategorie Bester Jahrestrend — der schnelle Blick darauf, wo die stabilen Trends gerade sitzen.
  • Im Momentum-Tab als Sortierung der laufenden Auswahl.

Der Wert wird aus echten Kursdaten berechnet, nicht von einer KI geschätzt.

Das Wichtigste in drei Sätzen

Der Jahrestrend misst die Kursentwicklung über zwölf Monate und lässt den letzten Monat bewusst weg, weil der kurzfristig gegen den Trend läuft. Er ist einer der wenigen Markteffekte, die strenger Nachprüfung standhalten — aber nur, wenn man ihn ruhig, konzentriert und auf der Gewinner-Seite spielt. Wer ihn hektisch handelt, breit verwässert oder bei jedem Rücksetzer aussteigt, hat am Ende die Kosten und nicht den Vorteil.